Der künstlerische Schaffensprozess ist immer auch ein teils beseligender, teils verzweifelter Versuch, der Vergänglichkeit einen flüchtigen Moment des Schauens oder Empfindens zu entreißen, ihn dauerhaft zu manifestieren, um ihn abrufbar und später noch einmal nachvollziehbar machen zu können. Wer sich im Medium der Kunst zu verwirklichen sucht, der widersetzt sich dem unaufhaltsamem Fortschreiten in allem Zeitlichen, bannt auf Papier oder Leinwand ein Unwiederbringliches, das es vor dem vorschnellen Vergessen zu schützen gilt.

Anglika Jelichs Bilder sind Dokumente eines glückvollen Erinnerns ganz persönlich erlebter Augenblicke der Wahrnehmung und des Fühlens, die sich im Rausch der Farben und Formen dauerhafte Gestalt verleihen wollen. Mitreißend in ihren kräftigen Stimmungsvaleurs, verrätselnd in der Abstraktion der Zeichen oszillieren die Werke zwischen dem Eindruck eines emotionalen Aufgehobenseins in der Welt der Farben und dem Gefühl der Ausgeschlossenheit vor den kryptischen Zeichen, die sich der vorschnellen Deutung entziehen und das Werk mystisch verunklären.

Zwei Komponenten prägen dieses Oeuvre, stiften Zusammenhänge und bilden Werkgruppen: die Natur in Gestalt floraler oder landschaftlicher Szenarien zum einen und die Kultur, eingefangen in der Welt tradierter Zeichen und Ornamente, zum anderen erlauben als Schlüsselbegriffe eine deutend-klärende Annäherung an diese Bildwelt, in dem sie die Vielzahl der Themen und Ausdrucksmittel immer wieder auf sich als prägende Konstituenten zurückführen.
Die Auseinandersetzung mit der Natur findet ihre konventionellste Ausprägung in der fotographischen Abbildung, deren mimetisch-nachahmende Qualität die Künstlerin durch die Hinzufügung weniger, akzentuiert gesetzter Pinselstriche aufbricht. Einer unmittelbaren Eingebung, der spontanen Lust an der Veränderung folgend wird die Fotographie als Ausgangsmotiv in ihrem Stimmungsgehalt modifiziert und symbolträchtig aufgeladen. Der weiße Lichtreflex etwa, der auf einem Foto hinter dem vereinzelt aufragenden Baum am Feldrain hervortritt, verleiht als eine reine Hinzutat der Künstlerin der Szenerie eine bühnenwirksame Theatralik, indem er die Landschaft mystifiziert und auf ein Erwartetes, doch in seiner Gestalt Unbekanntes verweist. Auf einem anderen Bild überwölben helle Schleier einen einsamen Waldweg und verleihen ihm einen Grad feenhafter Traumverlorenheit, die durch den durchscheinenden Kontur der realen Fotographie eine schöne, nachvollziehbare Realität erhält.

Wo die Motive der wahrgenommenen Natur sich ihres Kontexts entledigen und einen autonomen Kunstcharakter erhalten, reduzieren sich die Bilder auf die Darstellung zeichenhafter Naturphänomene. Die überdimensionierten Blütendolden beherrschen in signalfarbiger, fast berstender Naturkraft die hellfarbenen Leinwände, auf denen sich die Umgebung das Beet, der Garten, die Wiese auf eine bloße Andeutung beschränkt. Die Spontanität des Pinselauftrags, der oftmals einem bloßen Hintupfen gleicht, ist dabei Ausdruck eines unverfälschten, unvermittelten Gefühls: Die gemütfeindliche, sondernde und wertende ratio soll offenbar der spontanen Sichtweise von Natur, der emotionalen künstlerischen Entäußerung, nicht hindernd im Wege stehen: Je zügiger die Hand den Pinsel führt, um so authentischer ist die dargestellte Natur als Widerschein des Gefühlten. Die “Signs of Nature” reflektieren in dynamisierender Energetik und Dynamik subjektive Seelenzustände, in denen die florale Welt nur noch Anlass und Ausgangspunkt ist.

Durch die Übertragung der Motive auf die textile Struktur des Gewebes der ?Gobelin Paintings? erfährt die Darstellung von Natur noch ein spezifische Aufwertung: Die Erinnerung an flämische und französische Tapisserien und Gobelins heraufbeschwörend, damit die auratische Kraft der Tradition nutzend, entdecken diese Arbeiten ein überliefertes Medium für eine zeitgenössische Kunstsprache neu. Auf dem Faltenwurf des Stoffs dynamisiert sich das impressionistische Spiel von Licht und Schatten: Die im wahrsten Sinne des Wortes Blumen- und Blütenteppiche scheinen sich die spröde Materialität des Grundes anverwandeln zu wollen, um ihn zu rhythmisieren und zum Ausdrucksträger der überbordenden, alles vitalisierenden Fülle der Natur zu machen.

Es ist nur folgerichtig, wenn Angelika Jelich die Auflösung der Bildkonturen bis zur Abstraktion vollzieht, die Naturphänomene in atmosphärische Seelenlandschaften auflöst, in denen nur noch die Farben an die wahrgenommenen, verinnerlichten Topographien erinnern. Die breit aufgetragenen, langgezogenen, fast pastosen Pinselstriche in den Landschaftsbildern verwischen die Erinnerungen an das Gesehene und verdichten sich zu autarken, der Ungegenständlichkeit verpflichteten Farbräumen, zu Studien archaischer Naturszenarien, gleichsam zu Urwelten, in denen die Elemente noch um die Vorherrschaft ringen unentschieden, wer dem andern das Primat einräumen soll. Die dergestalt gewonnenen sphärischen Räume entgrenzen sich bisweilen in den Kosmos hinein: In der signifikanten Spindelform richtet sich der Blick aus den weiten Himmeln hinaus in die Unendlichkeit des Alls, das alles und jedes sogartig in sich hineinzuziehen droht ein letzter Schritt in der Loslösung von der kleinteiligen Rezeption von Landschaft zu einer universalen Aufnahme von Welt.

Der Auflösung der Landschaft in Farbe und Form steht im Oeuvre von Angelika Jelich ihre Stilisierung im Ornament und Muster gegenüber. Zumeist großformatige Arbeiten fassen die Attribute der Natur in strenger Zeichenhaftigkeit und rhythmisieren sie mit vieldeutigen Symbolen und wie von Kinderhand geschaffenen Strichzeichnungen zu Texturen, die an die Ordnungsschemata gotischer Fenster oder orientalischer Teppichmuster oder Fliesenböden erinnern. In dem bisweilen naiven Darstellungsduktus erinnern die tanzenden, aneinander an den Händen fassenden Figuren an die stark konturierten Zeichnungen in antiken Tempeln, an archäologische Fundstücke, Relikte alter Hochkulturen, die ihre Kunst aus den Naturformen ableiteten und im Gegensatz zu modernen Zivilisationen den Unterscheid zwischen Natur und Kultur noch in schöner Symbiose leben konnten. In der Vereinzelung oder in kleineren Formationen wirken Kreis, Quadrat und Pyramide dabei wie alte Hoheitszeichen, Symbolträger einer Gottheit, die uns aus einer längst versunkenen Vergangenheit entgegenleuchten.

Im Kaleidoskop künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten reichen Angelikas Jelichs Annäherungen an die Themenvielfalt, die Natur und kulturelle Tradition bereitstellen, von artifizieller Verfremdung zu Reduktion auf einen wiederkehrenden Motivkanon, von zeichenhafter Stilisierung zu vollkommener Abstraktion. Diese Bandbreite dokumentiert eine kontinuierliche, unterschiedlichen Schaffensperioden verhaftete Auseinandersetzung mit den Topoi Natur und Kultur, die von der Künstlerin als Reflex temporärer Befindlichkeit und Spiegel der Seele zu bewahrenden Horten eines persönlichen Erinnerns werden.

Wolfgang Türk

AUSSTELLUNG ANGELIKA JELICH IM KUNSTKONTOR MÜNSTER

( 8.3. bis 30 4. 2008)

Angelika Jelich freut sich sehr über diese Einzelausstellung in Münster:

Ich freue mich, dass meine Arbeiten auch in meiner Heimatstadt in dieser Galerie präsentiert werden. Meine künstlerische Verbindung zu New York ist sehr interessant, aber es tut gut, vor Ortsein zu können und hier mit Frau Dr. Möllers zusammen zu arbeiten.

Gobelin Paintings – Farbräume – Ritzbilder:

Diese drei Themen stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.

Gobelin Paintings sind eine Serie von großformatigen Arbeiten auf Leinwand, die wie Gobelins, nicht auf Leisten gespannt, locker von der Wand hängen. Paintings verweist auf das Malerische.
Entstanden sind sie durch Malaufträge und Ausstellungen in New York. Um die teuren Transportkosten zu umgehen, malte Angelika Jelich auf loser Leinwand, die sie dann für den Transport nach New York rollen konnte bzw. kann. Diese Wirkung des Materials , das nicht straff gespannt war, animierte sie, eigene Bildanordnungen zu kreieren.
Von ganz abstrakt bis figürlich reduziert werden Flächen und Zeichen in bestimmten Anordnungen kombiniert.
Die Gruppe Gobelin Paintings: Signs of nature zeigt stilisierte und abstrahierte Zeichen,
die der Natur zuzuordnen sind. Starke Farbigkeit prägt ihren Charakter.
Sie sind positiv, bejahend und lassen uns in wunderschöne Welten tauchen.
Die Gobelin Paintings: Abstracts zeigen eine starke Ausgewogenheit der Bildordnung und Farbharmonie. Die Gobelin Paintings Pattern zeigen in rhythmischer Ordnung stilisierte Zeichen, die unter anderem reduzierte Gesichtsschemata aufnehmen.

Hier kann man zu den Farbräumen und Pigmentbildern überleiten. In den Pigmentbildern werden stilisierte Zeichen z.B. Pyramiden dargestellt. Hier handelt es sich auch um Pattern.
Eine überlange, schmale Leinwand zeigt Pyramiden verschiedenster Größe geritzt, mit Frabe abgedeckt, übermalt…..

Summer 1 bis 3, 2008 sind Ritzbilder und Farbräume: Die stilisierten Formen könnten auf Grund ihrer bejahenden Farbigkeit an sommerliche Flora und Lebensgefühle denken lassen.

Es gibt reine Farbkompositionen, in denen die zueinander komponierten Farbflächen den Ausdruck dieses frischen, sommerlichen Lebensgefühls aufnehmen: Summer in the city 1 und 2 und 3, 2008.

Die leuchtende Farbe und Pigmente in Gelb über Blau 1 und Gelb über Grün 1, 2008 wecken Assoziationen an Sonne, Wasser, Wald, Natur, Sommertag etc. Da entsteht Bewegung durch runde, ovale oder nur gesprenkelte, ja getupfte Farbteilchen auf dem Bildraum.
Summer 4 nimmt die Farben des Sommers in Streifenform auf, Silence 1 und 2 verströmen durch horizontale Anordnungen und helle Farben eine uns erreichende Ausgeglichenheit.

In den Ritzbildern werden Farbschichten übereinandergelegt . Darein werden stilisierte Naturelemente wie in Ritzbild Natur 1, 2008 oder abstrakte, grafische Anordnungen
Wie in Ritzbild, 2006 eingeritzt. Teilweise wird mit Tusche oder Kreide ergänzt.
Teilweise haben sie auch wieder einen Patterncharakter.

Angelika Jelich zeigt neben diesen Leinwänden auch Arbeiten auf Papier und auf Foto.:

Die vorgegebenen Bildräume sind selbst geschossene Fotos, die mit der Farbe so verändert werden, dass sich neue subjektive Bedeutungen ergeben. Die vorherrschende Stimmung ist positiv: Neben Naturbildern wie wasserstück oder Wald, Am Wasser etc. werden in den Memorials Mallorca und Mallorca I bis VII Hafenplätze, Fischernetze, der Strand, und die typische Flora durch Farben betont und verfremdet: Das Reale erscheint unwirklich: Wir kennen es und kennen es doch nicht richtig. Memorial ist Erinnerung: Ich errinnere mich an das für mich Wichtige. Das kann etwas anderes sein als für die anderen Menschen. Die subjektive Sicht der Künstlerin kommt hier zum Tragen.

Die Arbeiten auf Papier zeigen Farbkompositionen, aber auch figürliche Themen wie in Zwei Frauen mit Hut 1 bis 3 oder in der Serie Auf zum Tanz. Hier steht die Monotypie als Technik im Mittelpunkt.

Ausgangsinteresse und ständiger Motor für meine Malerei ist die intensive Beschäftigung mit der Farbe.

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